Wie die AFD aus einer PR-Umfrage auf Facebook einen ignorierten Volkswillen macht

AFD, Kundgebung, Schauspielhaus, Hamburg, Kein Platz für Nazis

Im August 2017 fragte die Hamburger S-Bahn ihre Fans auf Facebook, ob ihnen Rot oder Blau besser gefällt. Die AFD greift die kurzweilige Social-Media-Umfrage auf und erklärt sie zu einer ignorierten Abstimmung über die Farbe der neuen S-Bahn-Züge. Ein Lehrstück:

Die S-Bahn Hamburg könne sich nicht entscheiden, heißt es in dem Facebook-Posting, gefolgt von der Frage: „Gefällt euch das moderne Rot oder steht ihr auf Retro-Blau?“ und die Aufforderung: „Baureihe 470 vs. 474: Stimmt jetzt ab!“. Soweit ein ganz alltägliches Posting bei Facebook: Etwas Unterhaltung für die Fans, um das Engagement in der Community anzuheizen – und kein Versprechen etwas zu ändern oder dem Ergebnis irgendeine Bedeutung zuzumessen.

Knapp fünf Monate später macht die Bürgerschaftsfraktion der AFD das Posting zum Thema im Hamburger Landesparlament und stellt am 6. Dezember 2017 einen Antrag an die Hamburgische Bürgerschaft. In diesem wird die Umfrage mit Unterhaltungscharakter plötzlich zu einem „Bürgervotum“ deklariert. Die AFD hat die rund 250 Kommentare unter dem Facebook-Posting ausgezählt und kommt zu dem Ergebnis, dass 80 Prozent die alten blauen Züge schöner finden als die neuen roten S-Bahnen. Deswegen sollten die neuen Züge der Baureihe ET490, deren Auslieferung demnächst ansteht, blau lackiert werden und ältere Züge bei einer ggf. anstehenden neuen Lackierung ebenfalls blau werden.

Eine Umlackierung war nie Thema

Kleines Problem: Der erste Zug der Baureihe ET490 ist bereits in rot ausgeliefert und die S-Bahn erprobt ihn fleißig. Gegenüber shz.de stellte S-Bahn-Sprecher Christoph Dross zudem klar, dass es in Hamburg keine blauen S-Bahnen geben werde. Die Umfrage bei Facebook habe dazu gedient mit Nutzern ins Gespräch zu kommen. Eine Umlackierung war nie Thema. Rot sei zudem als Farbe im Verkehrsvertrag mit der Stadt Hamburg festgelegt.

Die AFD beharrt auf ihrer ganz eigenen Lesart des Facebook-Postings und tut so, als würde nur sie auf den Willen des Volkes hören. Bei shz.de jammert der AfD-Verkehrsexperte Detlef Ehlebracht: „Warum werden Bürgerbefragungen durchgeführt, wenn nachher das Gegenteil von dem getan wird, was die Mehrheit gewünscht hat?“. Dass von der Umfrage sicherlich nur ein kleiner Teil der rund 1,8 Millionen Einwohner der Hansestadt je etwas mitbekommen hat und die knapp 250 Kommentare nicht sonderlich repräsentativ sein dürften, scheint der AFD genauso egal zu sein, wie die Tatsache, dass nie eine neue Farbe in Aussicht gestellt wurde. Aber Hauptsache man kann behaupten der Volkswille wäre ignoriert worden.

Ob die AFD die Umfrage der S-Bahn auch aufgegriffen hätte, wenn die Mehrheit sich für das SPD-Rot statt die Parteifarbe Blau entschieden hätte, werden wir wohl nie erfahren.

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